Die Webseite zur Leser-Blatt-Bindung nutzen

Joerg Trampert / pixelio.de

Das Internet: unendliche Weiten, unendliche Möglichkeiten. Nur genutzt werden sie im (Lokal-)Journalismus leider viel zu wenig. Die eigene Internetpräsenz bietet eine Vielzahl an Mitteln, um die Leser an die eigene Zeitung zu binden. Der bloße Output von ehemaligen Print-Artikeln ist eher 90er – die Webseite einer Zeitung sollte heutzutage vor allem zur Kommunikation mit den Lesern genutzt werden.

Die simpelste aber am meisten unterschätzte Möglichkeit mit seinen Leserinnen und Lesern in Kontakt zu treten ist sicherlich die Kommentarfunktion. Wieso schaffen es Blogs, dass die Rezipienten dort sachlich, ernsthaft und strukturiert diskutieren, aber auf den wenigsten Seiten einer Lokalzeitung ist so etwas zu finden? Aus meinem letzten Praktikum bei einer Online-Zeitung weiß ich: Es fehlt die Zeit, sich mit den Lesern ernsthaft auseinanderzusetzen. Der Redakteur sollte die Diskussion steuern, sie anheizen oder auch abschwächen. Vor allem aber sollte er reagieren und nicht hoffen, dass es jemand anderes tut. Denn Reaktion heißt auch: ich nehme ernst, was der Leser mir da schreibt. Dazu passt gut, was ich bereits in meinem letzten Artikel zur Kommunikation in Sozialen Netzwerken schrieb:

Leider ist es bei vielen Lokalredaktionen schon schwierig, ein moderiertes Kommentarfeld vorzufinden. Anfragen von Lesern werden teilweise gar nicht beantwortet, die Diskussion nicht weiter angekurbelt, die weitere Berichterstattung zum Diskussionsthema nicht verlinkt.

Von Lesern für Leser

Webseiten bieten andere Formen der Leser-Bindung, durch Artikel von Lesern für Leser. Besonders gut hat „Die Zeit“ hier den Dreh raus: In einem eigenen Bereich der Online-Präsenz dürfen sich die Leser schriftlich austoben. Als Handwerkszeug bekommen sie eine ausführliche FAQ-Seite an die Hand. Die Zeitung bekommt so ein neues Gesicht, deins, meins, Ihres. Die Redaktion prüft die eingegangen Artikel, wählt aus, redigiert (wenn nötig) und lenkt die Artikelauswahl durch gezielte Leseraufrufe – aktuell zur Hochwasserlage.
Für die Lage der Redaktionen, in denen die Streichung von Stellen und Zeitarbeit zu immer weniger Zeitkontingent bei den Redakteuren führt, kann die Lesereinbindung ein effizienter Weg zur attraktiven Gestaltung der Webseite sein.

Aktive Kommunikation – der Chat

Vor einigen Wochen las ich ein Interview mit Jessica Dhyr, die für eine schwedische Zeitung auf deren Webseite einen Chat betreut. In diesem Chat redet sie mit ihren Lesern auch über das aktuelle Wetter und andere Banalitäten, aber immer häufiger kommen auch Anregungen, tolle Geschichten, die die Redaktion nie allein herausbekommen hätte. „Pro Woche bekommen wir rund fünf Tipps, die wirklich gut sind und aus denen ein Artikel wird.“ Fünf Tipps! Dinge, die die Leser wirklich lesen wollen! Für Jessica Dhyr lohnt sich der hohe Arbeitsaufwand. Wie viele Tipps bekommt Ihre Zeitung pro Woche? Wäre ein Chat da nicht eine gute Möglichkeit?

Den Lesern ein Forum bieten

Gerade Zeitungen, die ein großes Verbreitungsgebiet haben, lassen sich viele Klicks dadurch entgehen, dass sie lokale und sublokale Themen online nicht gut aufarbeiten. Dabei lässt sich durch die gezielte Bündelung von Fragestellungen und Artikelzeitleisten eine tolle Zusatzseite für die Leser erstellen, die hohe Klickzahlen generieren können. Ein Beispiel:
In meiner Heimatstadt wechselte vor kurzem die Intendanz am Theater, damit einhergehend wechselten fast alle Mitarbeiter und Schauspieler –  das gesamte Ensemble, außer einem Herrn, wurde gegangen. Sie können sich die Empörung in der Bevölkerung vorstellen. Es gab viele Artikel dazu, aber vor allem war die Resonanz an Leserbriefen enorm! Sowohl die alte als auch die neue Intendantin gaben lange Interviews und versuchten die Wogen zu glätten. Aufgegriffen wurde das Thema online leider überhaupt nicht! Ein kleines Foto im Menü, beispielsweise vom Theater, der als Link auf eine Themenseite mit den Lesermeinungen und den recherchierten Artikeln der Redakteure führt, wäre eine spannende Zusammenstellung gewesen! Wer reagiert wie auf welche Kritik? Die Kommentarfunktion hätte ein weiteres Forum der Kommunikation geboten. Ich selbst hätte gerne aktiv dort meinen Kommentar zum Thema abgegeben, mir ein derartiges Forum gewünscht. Leider ergriff keine der hiesigen Zeitungen diese Chance.

Leider höre ich selbst immer wieder das Argument: Für solche Maßnahmen haben wir keine Zeit! Lieber wird die Blaulicht-Berichterstattung vorangetrieben. Ich bin sicher: die aktive Kommunikation mit dem Leser, Themenseiten und Leserartikel wirken sich nicht nur auf die Klickzahlen, sondern auch auf das Abonnement einer Lokalzeitung aus. Eine gute Zeitung nimmt ihre Leser ernst, das sollte auch die Webseite ausstrahlen.

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