Hände weg von meinem Hintern!

Brauchen wir den Weltfrauentag? Mit dieser Frage habe ich mich während meines Praktikums in der Online-Redaktion der Neuen Westfälisches beschäftigt und ein Plädoyer – angereichert mit persönlichen Erfahrungen – geschrieben.

Hände Weg von meinem Hintern

Wenn ich mich als Lokaljournalistin durch enge Gänge in Schützenhallen, Vereinshäusern und Festzelten dränge, habe ich manchmal mehr als nur zwei Hände auf dem Hintern. Das sind die Momente in denen ich weiß, dass der heutige Weltfrauentag wichtig ist, um auf die Sexualisierung von Frauen aufmerksam zu machen.

Im Lokaljournalismus gehören Termine, wo von den Protagonisten Alkohol getrunken wird, dazu: bei Jahreshauptversammlungen, bei Schützenfesten und bei Karnevalsveranstaltungen. Dabei ist das gepflegte Bier am Abend kein Problem, aber gerade bei den Volksfesten schlagen viele Besucher über die Stränge. Es ist nicht so einfach, professionell zu bleiben, wenn der Ansprechpartner des Vereins im engen Gang einer Schützenhalle den Arm um meine Hüfte legt. Privat würde der Grabscher seine Ohrfeige sofort kassieren, aber als Journalistin muss ich die Fassung wahren und cool bleiben. Zum Glück sind solche Vorfälle selten.

Doch Sexismus ist eben kein Einzelfall, der von Emanzen in den Medien hochgepusht wird. Wer das behauptet, verschließt die Augen vor einem Problem, das strukturell in der Gesellschaft verankert ist. Die Debatte um Rainer Brüderles anzügliche Bemerkungen hat das Thema zwar aktuell in die klassischen Medien katapultiert, der Internationale Frauentag steht aber schon seit 100 Jahren für den Kampf der Frauen um gleiche Rechte.

Im lokalen Sport gehört weniger der körperliche, als eher der geschlechtsspezifische Aspekt zum Alltag. Als weibliche Journalistin von Fußballspielen zu berichten, ist nicht immer einfach. Umgekehrt haben es Männer bei der rhythmischen Sportgymnastik nicht leicht. Schaut er den Frauen in den engen Anzügen nicht doch etwas zu lang auf ihr Gesäß? So kämpfen Männer und Frauen mit Vorurteilen, die ihnen nur aufgrund ihres Geschlechts zugeteilt werden.

„Nehme ich mit ins Bett“

Frauen sind keine Objekte, und mir wird schlecht, wenn ich auf Seiten wie alltagsseximus.de lesen muss, dass Männer lautstark in Straßenbahnen die Frauen in „nehme ich mit ins Bett“ und „nicht für alles Geld in der Welt“ einteilen. Oder wenn ein Vater jeden Tag die Arbeit früher verlassen muss, weil seine Tochter auf dem Heimweg verfolgt wird und sie sich nicht mehr alleine vor die Tür traut.

Mehr als 100.000 Beiträge dieser Art in nur einer Woche nach Freischalten der Webseite und über Twitter sind meiner Meinung nach Beweis genug dafür, dass wir über das Thema sprechen müssen. Es sind eben keine Ausnahmeerscheinungen, sondern es ist ein gesellschaftliches Problem, das insbesondere innerhalb von Machtstrukturen, Machtpositionen und Abhängigkeiten ausgenutzt wird.

Sexismus umfasst nicht nur sexualisierte Gewalt, nein, auch klare Benachteiligung aufgrund des Geschlechts.

  • Frauen verdienen im Durchschnitt im selben Beruf und bei selber Qualifikation rund 22 Prozent weniger als Männer. Warum?
  • Der Anteil von Frauen im Niedriglohnsektor liegt laut Verdi bei 70 Prozent. Warum?
  • Die Aufstiegschancen von Frauen sind geringer, und der Frauenanteil in Führungspositionen sorgt noch immer für Forderungen nach einer Quote. Warum?

In vielen Bereichen unserer Gesellschaft ist diese Ungleichbehandlung noch verankert. So lange wir diese Strukturen nicht ändern, ist der Weltfrauentag unverzichtbar. Meine Herren, halten Sie nicht den Blick gesenkt, wenn Sie mit mir sprechen. Anstatt auf meinen Körper, können Sie mir in die Augen schauen. Nutzen Sie Ihre Hände, um respektvoll die meinige zu schütteln und unterlassen Sie anzügliche Blicke, wenn ich verschwitzt vom Laufband im Fitnessstudio steige. Dann können wir gerne eine neue Debatte über Sinn und Unsinn des Weltfrauentags führen.

Der Kommentar erschien am 9. März 2013 auf nw-news.de. Alle Rechte liegen bei der Neuen Westfälischen.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: